Brasilien ist eines jener Länder mit den meisten Vogelarten und ein attraktives Reiseziel für ornithologische Touristen. Voraussetzung für eine vogelkundliche Studienreise ist ein geeigneter Feldführer. Doch bei der hohen Artenzahl durfte man gespannt sein wie der niederländische Autor und Künstler diese Herausforderung meistern würde. Ber van Perlo hatte bereits einige Feldführer vorgelegt, über Afrika und Mittelamerika, Neuseeland und den südlichen Pazifik.

 

Der vorliegende Band misst 24 x 16,5 cm, ist 2,5 cm stark und wiegt als Paperback immerhin 1.025 g (!) - unter den Feldbedingungen in Brasilien schwer genug. Die Artenzahl des gewaltigen Landes fordert Zugeständnisse. Wer alle Arten abgebildet und behandelt haben will, muss Opfer bringen.

 

Nach Inhaltsverzeichnis, Liste der Farbtafeln, Vorwort und Danksagungen folgt die Topografie des Vogels. Gut gefällt die Einführung mit Karte und Biogeographie (anschauliche Zeichnungen), eine Übersicht der Vogelwelt: Klassifikation und Nomenklatur, Erläuterungen zur Bestimmung anhand der Abbildungen, Beschreibungen und Verbreitungskarten und (nur sehr kurz) Endemismus sowie übersichtliche Kurzportraits der Gruppen und Familien mit typischen Vertretern. Für Europäer ist diese Vorstellung typisch amerikanischer Gruppen wertvoll.

 

Die Aufstellung und Erläuterung von Symbolen, Abkürzungen und Glossar kommt vor den 187 Farbtafeln mit über 1.800 Arten, zusätzlich vielen abgebildeten Unterarten, verschiedenen Kleidern, Flugbildern usw. Die Tafeln sind übersichtlich, selten überladen, zeigen meistens nur zehn Arten, selten elf oder zwölf; es gibt fast zuviel Leeraum. Direkt auf den gegenüberliegenden Seiten finden sich die Artabhandlungen mit Verbreitungskarten mit Namen (Englisch, Portugiesisch, wissenschaftlich), als Maßangabe Länge oder Spannweite in inch und cm, Unterarten/Variation, einem kurzen Kommentar sowie Angaben zu Habitat und Stimme (Rufe und Gesang).

 

Im Anschluss wird anhand einer Karte die Lage der Nationalparke gezeigt. Van Perlo verweist auf Internetseiten, die weitere Beobachtungsgebiete aufführen. Es folgt eine Aufzählung der im Lande vertretenen nationalen und internationalen ornithologischen Organisationen, die Bibliographie sowie Literaturhinweise mit Quellenangaben. Es gibt zwei wertvolle Anhänge, eine Liste der endemischen Arten und ein kurzes Wörterbuch Englisch-Portugiesisch, damit man sich vogelkundlich mit Einheimischen verständigen kann. Der dreisprachige Index bringt auch die wissenschaftlichen Artnamen.

 

Van Perlo hat die Abbildungen gut getroffen. Sie überzeugen im Druck, wirken sehr klar, zeigen in vergleichbarer Körperhaltung nebeneinander die Mehrzahl der Vögel in vernünftiger Größe. Bei einigen wurde der Maßstab benachbarter Arten allerdings nicht richtig getroffen. Zumindest im Vergleich zu vorbildlichen europäischen Feldführern sind viele Abbildungen zu klein und ungenau, die Begleittexte zu kurz und außerdem zu klein und zu schwach gedruckt, was nicht nur für Brillenträger ein Problem ist. Auch die lediglich Briefmarken-großen Verbreitungskarten sind zu klein. Da wäre mehr möglich gewesen, wenn man den vorhandenen Druckraum besser genutzt hätte.

 

Angesichts der enormen Artenzahl, der immensen Ausdehnung Brasiliens, der Unzugänglichkeit mancher Regionen und des derzeitigen mäßigen Kenntnisstandes sind manche Mängel verständlich. Für Ornitho-Touristen, die einmal im Leben Brasilien bereisen wollen, ist dieses Buch trotz der genannten Einschränkungen absolut überzeugend. Es gelang OUP mit Ber van Perlo für diesen Feldführer einen sehr erfahrenden Autor zu gewinnen, eine gute Voraussetzung, um die in Brasilien besonders schwierige Aufgabe zu lösen. Der Inhalt überzeugt durchaus!

 

Volker Konrad