Dies ist nach 12 Jahren Wartezeit die extrem verbesserte Neuausgabe von „Der neue Kosmos-Vogelführer“. Bereits die Erstausgabe war ein Buch der absoluten Superlative: Sie galt zu Recht beim Erscheinen und gilt bis heute (!) als der mit Abstand weltbeste vogelkundliche Feldführer. Er wurde bisher in 14 Sprachen übersetzt und weltweit ca. 700.000 Mal verkauft, davon ca. 70.000 Mal allein in Deutschland.

 

Das neue Buch erfüllt allein schon durch die Vielzahl neuer, hochwertiger Abbildungen die hohen Erwartungen, und dies obwohl die “alten“ Farbzeichnungen von Killian Mullarney und Dan Zetterström für einige Artengruppen (z.B. Limikolen, Sperlingsvögel) nur minimal verbessert werden konnten, weil sie bereits in der Erstausgabe einen hohen Standard erfüllten. Durch die zusätzlichen Tafeln und dazugehörigen Textseiten sowie durch einen besser lesbaren Index (welcher aber – von 8 auf 19 Seiten erweitert – zu viel Platz verschwendet; und es fehlt die Heckenbraunelle) wurde der Gesamtumfang von 400 auf 448 Seiten erhöht. Der geringe Gewichtsanstieg um ca. 115 Gramm auf nun ca. 885 Gramm ist leicht zu verschmerzen, da immerhin 41 neue Arten aufgenommen wurden, 33 davon allerdings Splits, also das Ergebnis taxonomischer Abspaltungen (insgesamt nun mehr ca. 950 Arten). Im Ganzen wurden den Autoren von den Verlegern anfangs nur 12 neue Doppelseiten genehmigt, darüber hinaus jedoch die Umgestaltung vieler vorhandener Tafeln sowie die Einfügung neuer Zeichnungen auf mindestens 60 bestehenden Tafeln.

 

Molekulargenetische Untersuchungen machten eine neue Reihenfolge der Ordnungen am Beginn notwendig. Doch wird sich der Nutzer bei späteren Auflagen auch bei der Anordnung der Sperlingsvögel auf drastische Änderungen gefasst machen müssen. Bei wenigen Artengruppen, wie z.B. den Schafstelzen, Schwarzkehlchen, Birkenzeisigen oder Kreuzschnäbeln, vertreten die Autoren eine eher konservative Sicht und haben hier – im Gegensatz zu anderen Autoren (z.B. in „Dutch Birding“) – einigen Unterarten noch keinen Artstatus verleihen wollen. Allerdings wurden diese Unterarten meist sehr gut abgebildet und beschrieben, vorbildlich beim Raubwürger-Komplex, wo auf einer völlig neuen Tafel neben den beiden Arten Raubwürger und Mittelmeer-Raubwürger weitere sechs (!) Unterarten auf ihre Erhebung in den Artstatus hoffen. Doch auf solche “Armchair-Ticks“ lauern eher die “Lister“, während den meisten Lesern lediglich wichtig sein wird, ob oder wie man diese Raubwürger-Formen unterscheiden kann, egal ob nun Art oder “nur“ Unterart.

 

Bei den wissenschaftlichen Namen folgt das Buch der aktuellen britischen Nomenklatur, nicht der (noch) in Deutschland gebräuchlichen. Augenfällig wird dies z.B. bei den Meisen, so heißt die Blaumeise Cyanistes caeruleus, die Tannenmeise Periparus ater, die Haubenmeise Lophophanes cristatus und Sumpf- und Weidenmeise haben den Gattungsnamen Poecile, lediglich die Kohlmeise ist in der Gattung Parus verblieben.

 

Die Mehrzahl der neuen Tafeln geht auf das Konto von Splits oder von bisher nicht vorgestellten Unterarten, so z.B. bei den Sturmtauchern (+ 1 Tafel), den großen weißköpfigen Möwen (Anzahl der Tafeln von 2 auf 4 verdoppelt!), Steinschmätzern (+ 1), Grasmücken (+ 1), Laubsängern (+ 1) oder Würgern (Anzahl der Tafeln von 1½ auf 3 verdoppelt). Fast immer wurden bei den genannten Beispielen jedoch auch die dazugehörigen alten Tafeln völlig neu gezeichnet und angeordnet! Vorbildlich herauszuheben sind hier vor allem die Laubsänger, wo z.B. den verschiedenen Zilpzalp-Formen mit jetzt vier abgebildeten Arten sowie zwei Unterarten eine komplette Seite gewidmet wird (Zeichnungen Dan Zetterström) oder die längst überfällige artliche Abtrennung von Mittelmeer-, Steppen- und Armenienmöwe, welche trotz des Platzmangels recht gelungen wirkt, vor allem bei der Steppenmöwe (Zeichnungen Killian Mullarney). Doch manchen Anfänger wird dieses zwangsläufig enge Durcheinander der Großmöwen-Zeichnungen wohl überfordern.

 

Für einige Artengruppen wurden die Abbildungen komplett oder zumindest in großen Teilen erneuert, weil die Autoren mit der Erstausgabe hier unzufrieden waren oder einige Splits, seltener Unterarten, dies notwenig machten. Dies betrifft beispielsweise vorbildlich die Pelikane, den Wespenbussard/Schopfwespenbussard, die Sperberarten sowie den Habicht (super!), die Tauben von Kanaren/Madeira, die meisten Eulenarten (z.B. Wald-/Sumpfohreule sehr viel besser, Split Uhu/Wüstenuhu), teils auch die Steinschmätzer (neu durch Splits Seebohm-, Berbersteinschmätzer, abgebildet auch die Morphe Basaltsteinschmätzer), die Grasmücken (u. a. Splits Nachtigallen-/Orpheusgrasmücke, Sahara-/Wüstengrasmücke, jedoch keine Splits bei den abgebildeten Unterarten von Weißbart- und Sardengrasmücke) oder die Spötter (neu durch Splits Isabell- und Steppenspötter). Doch warum werden weiterhin bei der Beutelmeise keine Subspezies abgebildet und nicht mal im Text genannt (vergleiche die großformatige deutsche Version der Erstausgabe, wo vier Unterarten zumindest textlich behandelt werden)? Dasselbe gilt auch für die Ohrenlerche.

 

Völlig neu wurden erfreulicherweise Abbildungen der fliegenden Lappentaucher hinzugefügt. Komplett ersetzt wurden die zuvor merkwürdigen Abbildungen der nordamerikanischen Singvögel. Ganz neu ist auch die hübsche Tafel mit seltenen Entenarten, bei der man allerdings zum direkten Vergleich mit ähnlichen, häufigen Arten viel blättern muss.

 

Etwa zehn seltene Arten wanderten aufgrund neuer avifaunistischer Erkenntnisse vom Anhang („Sehr seltene Ausnahmeerscheinungen“) in den Hauptteil des Buches und werden nun hervorragend abgebildet. Beispiele sind Kleine Bergente, Kappensäger, Basrarohrsänger oder Seidenwürger, letzterer nun bei den – sehr gelungen erneuerten – Seidenschwanz-Abbildungen. Weitere der vielen Hinzufügungen oder drastischen Verbesserungen von Abbildungen können hier nur beispielhaft genannt werden: Falkenbussard, Sahara-/Steppentrappe, Kanarenschmätzer, Nordamerikanische Drosseln (Split Rot-/Schwarzkehldrossel), Zwerg-/Taigaschnäpper, Rotschwanz-(Split) und Braunwürger, drei Unterarten vom Rotkopfwürger oder die neu aufgenommene Art Rieddrossling (warum aber nicht die Hinduracke mit ähnlicher Verbreitung im Irak?).

 

Recht inkonsequent werden einige eingeführte Vogelarten, die früher im Hauptteil waren, nun in den Anhang verbannt und somit lediglich spartanisch abgebildet (z.B. Braut- und Mandarinente, Chileflamingo oder unverständlich und ohne jegliche Platznot sogar der Halsbandsittich), während viele andere Neozoen, wie z.B. Fasane oder Nilgans, weiterhin im Hauptteil Platz finden durften.

 

Die neuen Abbildungslegenden stammen nun direkt von den beiden Zeichnern. Die Verbreitungskarten (von Lars Svensson) wurden erheblich aktualisiert und bei etlichen isolierten Brutvorkommen durch Kartenausschnitte präzisiert. Die Verbreitungskarte des Sichlers ist jedoch für die Nordseeküste falsch, hier hat Svensson versehentlich die neuen Vorkommen des Löfflers beim Sichler eingefügt.

 

Die detaillierten und grundlegend überarbeiteten Texte (von Lars Svensson) zu Größe, Lebensraum, Kennzeichen, Verbreitung, Stimme, selten auch Verhalten, sowie die neuen Abbildungs-Beschriftungen wurden von Peter H. Barthel sorgfältig übersetzt. Bedauerlich ist nur, dass den Übersetzern aller Lizenzausgaben kein Freiraum zu eigenen Überarbeitungen gegeben wurde. Denn die großformatige deutsche Version der Erstausgabe ist durch Peter H. Barthels Überarbeitung drastisch besser als weltweit alle andern Erstauflagen, textlich z.B. ganz viele der Splits der nun vorliegenden Neuausgabe bereits zehn Jahre vorwegnehmend. Auch dass der Übersetzer lediglich im Impressum genannt ist, wird seiner intensiven Leistung keinesfalls gerecht. Die Liste extremer Nachweise (im Anhang, ohne Abbildungen) berücksichtigt Veröffentlichungen bis maximal 2009.

 

[Eine sehr gute englischsprachige, umfangreichere, ausschließlich textliche Weiterführung soll hier erwähnt werden, zumal dort weitere Splits vorgenommen wurden (z.B. ausführlich Tundramöwe): Nils van Duivendijk (2010) „Advanced Birding ID Guide“, New Holland, 14,99 £.]

 

Druckqualität, Papier und Bindung (solide Fadenheftung) sind sehr gut. Entsetzlich wirkt jedoch die Gestaltung des neuen Einbandes, welcher wie ein Schul- oder gar Kinderbuch daherkommt und viel zu offensichtlich der “Bauernfängerei“ von Neulingen dienen soll. Doch der potentielle Leserkreis sind eher fortgeschrittene Ornithologen! Deshalb hätten auf die Frontseite z.B. verschiedene Steppenmöwen-Kleider gehört und nicht das zwar hübsche, aber lächerlich leicht zu bestimmende Blaukehlchen. Die englische Ausgabe muss sich ähnliche Vorwürfe gefallen lassen, wirkt aber zumindest deutlich seriöser. In der deutschen Ausgabe finden sich auf beiden Innenklappen des Einbandes die guten Zeichnungen zur Vogeltopographie; die hatte man in der englischen Neuausgabe schlicht vergessen. Eine deutliche Aufwertung erhielte das Buch, wenn auf dem Einband nicht nur das Emblem des NABU, sondern besser die Abzeichen von DDA, DO-G und „Limicola“ gezeigt würden.

 

Ein Verkaufsschlager wäre eine zusätzliche und zwangsläufig teurere Ausgabe, welche für fast alle Arten über einen so genannten „Ting“-Stift die Vogelstimmen abspielen könnte, wie dies für die Neuausgabe von „Was fliegt denn da?“ (Detlef Singer 2011) im selben Verlag ja bereits möglich ist, wenn auch dort für zu wenige Arten.

 

Hoffentlich hat der Kosmos-Verlag wieder den Mut zu einer (diesmal möglichst preisgünstigen) großformatigen Ausgabe, welche anlässlich der großen Erstausgabe im Jahr 2000 ein Hochgenuss war, aber leider zu lange zu teuer angeboten wurde, dann billig verramscht wurde, im Nu vergriffen war und leider nie wieder aufgelegt wurde. Hauptvorteil einer solchen Großausgabe sind die in dieser Größe viel, viel besser wirkenden Abbildungen mit weniger dominierenden Beschriftungen.

 

Die erste Ausgabe war ohne Zweifel der beste ornithologische Feldführer der Welt, die nun stark verbesserte Neuausgabe legt die Messlatte dermaßen hoch, dass wir wohl sehr lange auf vergleichbar wertvolle Bücher werden warten müssen. Andererseits gilt die Binsenweisheit: Jeder Feldführer ist bereits beim Erscheinen durch zwischenzeitlich neue Erkenntnisse überholt, allein schon wegen der auch zeitlich aufwendigen Produktion (17 Jahre bei der Erstausgabe), zumal die deutsche Übersetzung ja diesmal auch erst ein Jahr später erscheinen konnte. Und nicht alle Wünsche waren in der den Autoren zur Verfügung stehenden Zeit sowie auf den zu wenigen zugebilligten zusätzlichen Seiten machbar. Der Rezensent, welcher die Feldornithologie als Schüler mit der kaum brauchbaren Urform von „Was fliegt denn da?“ und später mit dem – damals scheinbar traumhaft guten – „Peterson“ beginnen musste, ist sehr glücklich mit dem vorliegenden Kosmos Vogelführer einen erneuten Quantensprung in der Vogelbestimmung erleben zu dürfen.

Jörg Wittenberg