Die Berichte der Vogelwarte Hiddensee haben eine lange Tradition. Der erste erschien für die Jahre 1964 und 1965 unter anderem mit der Gründungsgeschichte. Besondere Bedeutung bekam die Vogelwarte durch die Bemühungen der DDR, die gesamtdeutschen Verbindungen zu beenden. Für das Beringungswesen wurde sie 1956 mit der Zentralisierung innerhalb der DDR betraut. Ab 1964 war sie mit eigenen Ringen die Beringungszentrale der DDR. Zugleich wurde sie Zentralstelle für den Seevogelschutz der Küstengebiete der DDR. Die Leitung oblag zu der Zeit Prof. Dr. H. Schildmacher, der zugleich den Lehrstuhl für Zoologie und Ornithologie innehatte. Schon mit dem ersten Bericht wurden Beringungsergebnisse veröffentlicht. 

 

Die Vogelwarte Hiddensee war nach den Vogelwarten Rossitten (1903) und Helgoland (1910) 1936 durch Erlass des Reichsforstmeisters gegründet worden. Vorausgegangen waren Bestrebungen der seit 1930 auf Hiddensee ansässigen Biologischen Forschungsstation Hiddensee, einen ornithologischen Stützpunkt zu erhalten. Hiddensee war den Ornithologen bereits seit 1852 bekannt geworden, als der Konservator des Zoologischen Instituts der Universität Greifswald, Dr. Hugo Schilling, dort arbeitete. Vor allem die besondere Bedeutung für den Vogelzug von und nach Nord- und Nordosteuropa machte Hiddensee so interessant. 

 

Leider waren der Vogelwarte nur drei Friedensjahre beschert, so dass ein kraftvoller Aufbau nicht möglich war. Die Kriegsfolgen führten zum Verlust der kompletten Einrichtung und der Unterlagen. 1948 wurde mit der Einstellung von Dr. Schildmacher (ab 1952 Professor) als Leiter ein Neuanfang vollzogen. 1952 wurde die Pension „Haus am Meer“ angemietet und später gekauft. Vor dem Kriege logierten hier Prominente wie Gerhart Hauptmann oder die Familie Mann. In dem Haus waren immerhin 10 Arbeitsräume. Der Aufbau des DDR-Beringungswesens mit ca. 400 Beringern und ca. 40.000 Ringen war in der Zeit der Mangelwirtschaft nicht einfach, z.B. wurden dem Lieferbetrieb als Kompensation Ferienplätze auf Hiddensee zur Verfügung gestellt. 

 

1972 wurde Prof. Dr. Schildmacher emeritiert. Sein Nachfolger wurde Dr. Axel Siefke (Professor ab 1987). Unter ihm wurde die Vogelberingung erheblich ausgebaut. Er betrieb energisch eine internationale Zusammenarbeit (zwangsweise auf den Ostblock beschränkt). In einem groß angelegten Programm wurden z.B. 1975 von ca. 300 Beringern über 150.000 Vögel in 219 Arten beringt. Im Laufe der Jahre wurde die Zahl der wissenschaftlichen und technischen Mitarbeiter auf 12 erhöht. Forschungsarbeiten beschäftigten sich u.a. mit der Zwergseeschwalbe, dem Sandregenpfeifer und den überbordenden Möwenbeständen. 

 

Mit der Wiedervereinigung kamen neue Tendenzen zum Durchbruch. Die Universität legte nicht mehr so großen Wert auf die Feldforschung vor Ort. Nachfolger für Professor Dr. Siefke wurde mit dem Molekularbiologen Dr. Andreas Helbig ein Verfechter einer anderen Forschungsrichtung, so dass die Feldforschung sich nicht durchsetzen konnte. Damit war der Sitz der Vogelwarte langfristig gefährdet, ist die Insel Hiddensee doch nur zeitraubend zu erreichen. Das Ende war 2005 und der Umzug an den Sitz der Universität nach Greifswald beschlossen. Aus der Besetzung mit fünf Wissenschaftlern ist ein Torso geblieben mit zwei Halbtagsstellen. Die berufliche Feldforschung auf der Insel Hiddensee gibt es nicht mehr. Aus der Arbeitsgruppe Beringungszentrale wurde 1993 die Beringungszentrale Hiddensee mit Sitz in Stralsund. Sie ist zuständig für die fünf neuen Bundesländer (ohne Berlin). 

 

Die hohen Beringungs-Zahlen bedeuteten aber auch, dass die bisherige Verwaltung der Beringungen mit handgeschriebenen Karteikarten usw. nicht mehr zielführend sein konnte. Bereits unter Siefke wurde daher die EDV für das Beringungswesen eingeführt und an das Rechenzentrum der Universität Greifswald verlegt. Vor allem ihm ist es zu verdanken, dass die gesamten Beringungen digital erfasst sind und zur Verfügung stehen. Ab einschließlich 1977 wurden sämtliche jährliche Beringungsdaten komplett digitalisiert, ebenso die laufend anfallenden Wiederfunde (abgesehen von den eigenen Wiederfängen der Beringer am Beringungsort bis 90 Tage nach Beringung) sowie die Wiederfund- und dazugehörigen Beringungsdaten aus den Jahren zuvor (1964 bis 1976). Ab 1992 wurde begonnen, auch sämtliche anfallenden Daten zu Wiederfängen "fremder" Ringvögel elektronisch zu archivieren. Letztere machen mit inzwischen gut 25.000 Datensätzen einen besonders wertvollen Teil des Hiddensee-Datenschatzes aus, der aktuell aus gut 4,7 Mio. Beringungsdatensätzen von Hiddensee-Ringvögeln und 507.025 Wiederfunden dieser Ringvögel besteht. Da haben die beiden anderen Vogelwarten vergleichsweise große Defizite. 

 

Der vorliegende Band 18/1 ist der erste Teil einer geplanten Serie „Vogelzug in Ostdeutschland“. Ausgewertet und dargestellt werden die Beringungen und Wiederfunde der Wasservögel in 45 Arten aus dem Zeitraum von 1964 bis 2005. Ermöglicht wurde der Band durch die Obersten Naturschutzbehörden der neuen Bundesländer, den Förderverein für Wasservogelökologie und Feuchtgebietsschutz e.V. und ProRing – Verein der Freunde und Förderer der wissenschaftlichen Vogelberingung e.V. Zahlreiche nationale und internationale Institutionen und Personen sowie der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) stellten Material und Fotos zur Verfügung. 

 

Die Wasservogelforschung hatte in der DDR eine lange Tradition, wie dies zahlreiche Publikationen (z.B. Rutschke u.a.) zeigen. Früh kam die fernablesbare Zusatz-Markierung u.a. bei Gänsen, Schwänen und anderen Arten zum Einsatz. Forschungsprojekte einiger Universitäten rundeten die umfangreichen Aktivitäten ab. Erst durch die Wende kam es an vielen Stellen fast zum Abbruch dieser zentral organisierten Markierungsprogramme. Die geografischen Schwerpunkte bestimmter Artprogramme werden aufgeführt. Die Arten und die Zahl der Markierungen und der beteiligten Beringer werden genannt. 

 

Der spezielle Teil enthält die Artbearbeitungen für alle Arten, für die mind. ein Wiederfund der Beringungszentrale vorliegt. Für die meisten Arten ist die Datenfülle so groß, dass ein genaues Bild des Zuges vorgestellt werden kann. Allein beim Höckerschwan sind es 14 Seiten und auch 14 Karten. Nur bei wenigen Arten ist das Material gering und die Darstellung musste lückenhaft bleiben. Ausgestattet sind die Darstellungen mit farbigen Karten zur Brut- und Winterverbreitung. Auf fünf Seiten sind 15 Fotos farbig abgedruckt, die auch die menschliche Seite der Beringungsumstände zeigen. 

 

In sechs Anhängen werden Brutbestände von Wasservogelarten und Schätzungen der Rastbestände in den ostdeutschen Bundesländern, Wiederfundraten von dort beringten Wasservögeln, Höchstalter und Todesursachen tabellarisch dargestellt. 

 

Mit dem Band wurde eine Veröffentlichung vorgelegt, die einerseits die Begeisterung der Autoren widerspiegelt und andererseits zeigt, wie über den Mainstream hinweg avifaunistische Arbeiten den Be­obachtern und Beringern immer neue Impulse geben können. Der Band gibt mit der Nennung der Wissensdefizite und des Forschungsbedarfs für die weitere Arbeit Ziele und Wege vor. Das Literaturverzeichnis ist umfassend und selbstverständlich schließt jedes Artkapitel mit einer englischen Zusammenfassung ab. 

 

Den Herausgebern und den beiden Autoren muss man zu diesem umfassenden Band gratulieren. Mit Spannung erwarten wir die nächsten Auswertungen. Der Band sollte bei dem moderaten Preis eine weite Verbreitung finden. 

 

Für Hinweise danke ich dem Ehrenmitglied der OAMV (Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern e.V.) Dr. Jürgen Stübs sowie dem derzeitigen Leiter der Beringungszentrale Hiddensee Dr. Ulrich Köppen. 

 

Jürgen Dien