Gerade in der heutigen Zeit, in der die Nutzung der Meeresgebiete immer intensiver wird, sei es durch den Abbau von geologischen Rohstoffen (Sand, Kies, Steine, Erdgas, -öl), die Intensivierung des Schiffsverkehrs, die zunehmende Planung und Errichtung von marinen Windparks und verkehrstechnischen Großprojekten (z.B. aktuell die geplante Fehmarnbelt-Querung), die fabrikmäßige Fischerei und Muschelfischerei, erwähnt sei hier auch die Veränderung der Meeresfauna durch Klimaerwärmung, rücken neben den Meeressäugern auch die Seevögel verstärkt in den Fokus. Daher ist eine aktuelle Darstellung aller Fakten zu den Seevogelarten überaus wichtig.

Sieben Autorinnen und Autoren aus dem FTZ (Forschungs- und Technologiezentrum Westküste, Büsum) und ein Autor vom DDA (Dachverband Deutscher Avifaunisten) legen hier den aktuellen Stand der Bestände, Verbreitung, Ökologie und Gefährdung der meisten häufigen Seevögel der deutschen Nord- und Ostsee vor.

Nach einer kurzen Einleitung folgt auf 27 Seiten ein Kapitel mit den Grundlagen und der Entstehung der Artensteckbriefe (Quellen, Hintergründe), anschließend werden 27 Vogelarten in Artensteckbriefen vorgestellt: Berg-, Eider-, Eis-, Trauer-, Samtente, Mittelsäger, Hauben-, Rot­hals-, Ohren-, Stern-, Prachttaucher, Eissturmvogel, Basstölpel, Kormoran, Tordalk, Trottellumme, Gryllteiste, Dreizehen-, Zwerg-, Lach-, Sturm-, Mantel-, Silber-, Heringsmöwe, Brand-, Fluss- und Küstenseeschwalbe.

Die Länge der Steckbriefe variiert zwischen 11 und 19 Seiten (durchschnittlich knapp 14 Seiten), der Aufbau ist normiert. Jede Art ist mit einem kleinen Farbfoto abgebildet, nach dem Vogelnamen (in Deutsch, wissenschaftlich, Englisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch und Polnisch) folgt der EU-Artcode, die Systematik und ein kurzes Unterkapitel mit den wichtigsten Feldkennzeichen. Daran schließt ein ausführliches Unterkapitel zu Verbreitung und Bestand an, hier werden aktuelle Bestandszahlen (sowohl Brut-, als auch Winterbestand) und -trends der Unterarten und biogeografischen Populationen aufgelistet und beschrieben. Dabei folgt einem allgemeinen Teil zum Welt- und europäischen Bestand ein Unterkapitel zu den deutschen Beständen, das auf die Regionen Nordsee und Ostsee eingeht. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Vorkommen in den beiden SPA (Special Protected Area) „Östliche Deutsche Bucht“ und „Pommersche Bucht“. Enthalten sind auch ein bis zwei Verbreitungskarten (Sommer- oder Winterverbreitung in der deutschen Nord- und Ostsee nach Schiffstransektzählungen, gesamtdeutsche Verbreitung gemäß den Wasservogelzählungen). Hier wären bei einigen Arten weitere Karten der Verbreitung zu anderen Jahreszeiten wünschenswert gewesen.

In den nächsten Unterkapiteln sind alle wichtigen Daten zu Brutbiologie, Fortpflanzung, Alter, Sterblichkeit und Mauser aufgeführt. Anschließend folgen Unterkapitel zu Wanderungen, sonstigen Verhaltensweisen, Habitaten und eine ausführliche Darstellung der Ernährungsökologie mit Nahrungsanalysen. Nach deaillierter Darstellung der artspezifischen Gefährdungen, Gefährdungsursachen und Empfindlichkeiten folgen kurze Hinweise zu den geeigneten Erfassungsmethoden; abschließend werden offene Fragen und noch nötiger Forschungsbedarf aufgelistet. Das Werk beenden ein 35seitiges Literaturverzeichnis, ein Abkürzungsverzeichnis und ein Glossar mit wichtigen Begriffen.

Fraglich ist, warum die Schellente nicht in das Buch durfte, ist sie doch im Ostseebereich bei den Mittwinter-Wasservogelzählungen gebietsweise in größeren Beständen anzutreffen (z.B. lag sie mit knapp 18.000 Individuen in den mecklenburg-vorpommerschen Küstengewässern im Januar 2008 immerhin auf Rang sieben der Wasser- und Küstenvogelarten, H.W. Nehls schriftl. Mitteilung).

Dass hier viele Autoren an einem Brei gekocht haben, fällt nur bei gezielter Suche im Detail auf. So wird bei der Nahrung der Sturmmöwe der noch überwiegend gebräuchliche wissenschaftliche Name für die Amerikanische Scheiden-/Schwertmuschel genannt (Ensis directus), im Nahrungskapitel der Trauer­ente dagegen der seit einigen Jahren zunehmend verwendete Name Ensis americanus. Den betroffenen Vogelarten ist es aber natürlich egal, wie ihre Nahrung im menschlichen Sprachgebrauch korrekt heißt.

Unklar bleibt die exakte Unterartenzahl bei der Eiderente, es werden sechs weltweite Unterarten gezählt und aufgeführt, schon im nächsten Satz wird dann aber noch eine siebte Unterart erwähnt.

Es ist mir nur ein bedeutsamer Fehler aufgefallen: Bei der Sturmmöwe werden die gezielten Bestandsreduzierungen der 1970er und 1980er Jahre im deutschen Ostseegebiet erwähnt und für den starken Bestandsrückgang verantwortlich gemacht, doch die im selben Zeitraum und Gebiet vorgenommenen Vernichtungsaktionen gegen die Lachmöwe (die möglicherweise die starken Bestandsrückgänge zumindest in den mecklenburg-vorpommerschen Kolonien nach sich zogen) werden nicht erwähnt.

Fazit: Auf jeden Fall ein Buch für alle, die sich mit See- und Wasservögeln beschäftigen, sei es bei der Seevogelerfassung, den verschiedenen Aspekten der Nutzung von Meeresgebieten, aber auch bei der "nur“ freizeitlichen Beobachtung von See- und Küstenvögeln!