Der Münchener Evolutionsbiologe und Ökologe Josef H. Reichholf ist für seine oft provokanten, doch immer äußerst anregenden Thesen bekannt. So auch in seinem neuesten Buch: Während der Laie glaube, die Natur gäbe es überwiegend auf dem Lande und kaum in der Stadt, versucht der Autor mit vielen Belegen zu beweisen, dass viele Pflanzen sowie Tiere inzwischen z.B. durch die Intensivierung der Agrar- und Forstwirtschaft, durch Gifte, Überdüngung, Monokulturen und verschmutztes Grundwasser eine neue Heimat in der Stadt gefunden haben. Die Natur verlässt das Land und zieht in die Stadt! Natürlich ist das ein wenig zu pauschal; denn auch die Stadt wird von ehemals häufigen Tierarten verlassen (z.B. durch die im Buch lediglich einmal kurz erwähnte Haubenlerche). Doch sind die Fakten zu Reichholfs oft überzeugenden Thesen flüssig lesbar aneinandergereiht und der Text wird durch zahlreiche farbige Grafiken und Fotos aufgelockert. – Der hübsch gestaltete Band ist in sechs Teile gegliedert: Teil eins gibt einen Überblick über die Artenvielfalt in den Städten, die Teile zwei bis drei beschäftigten sich mit den historisch bedingten Vorurteilen über die Stadtnatur und mit dem ‚Unerwartetem’, das von den üblichen Vorstellungen über die Natur der Städte abweicht, Teil vier analysiert die Besonderheit der Großstädte (Schwerpunkt im ganzen Buch leider zu sehr München), Teil fünf behandelt Probleme, die wir mit manchen pflanzlichen und tierischen Mitbewohnern in Städten glauben zu haben. Im abschließenden sechsten Teil stellt der Verfasser Forderungen für Stadtentwicklung und Naturschutz.

 

 Fehler gibt es nur wenige: Außer einer falschen Artbeschriftung eines Fotos (Abb. 80 keine Lach- sondern eine Silbermöwe) wird auf Seite 17 die Schlagzeile „Stadtleben macht frei“ falsch interpretiert, indem sich nämlich der Mensch durch die Anonymität in der Stadt freier als auf dem Lande fühle. In Wirklichkeit beschreibt der Ausspruch „Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag“ einen Rechtsgrundsatz im Mittelalter: Flüchteten damals Leibeigene in die Stadt und wurden durch ihren Dienstherren nicht gefunden, so waren sie nach „Jahr und Tag“ (1 Jahr, 6 Wochen und 3 Tagen) freie Bürger. Dadurch sollte auch der Zuzug in die Stadt gefördert werden, da z.B. in Hamburg bis etwa in die Mitte des 19. Jahrhunderts die Sterberate die Geburtenrate übertraf! – Unverständlich, warum die vogelkundlichen Ergebnisse anderer 16 Großstädte nicht eingearbeitet wurden, z.B. die Übersicht John G. Kelcey & Goetz Rheinwald (Editors, 2005): Birds in Europaen Cities (Rezension in ‚hab’ 34).           

 

Schade, dass dieses Buch in einem relativ unbekannten Verlag erscheint. Es hätte eine weit bessere Verbreitung durch einen renommierten Taschenbuch-Verlag verdient!

Jörg Wittenberg