Jochen DIERSCHKE, Volker DIERSCHKE, Kathrin HÜPPOP, Ommo HÜPPOP & Klaas Felix JACHMANN (2011): Die Vogelwelt der Insel Helgoland. – Helgoland (OAG Helgoland). 630 S., 505 Abb., 615 meist farbige Fotos, 157 Karten, deutsch mit vielen englischen Zusammenfassungen.

 

 

 

Hardcover, Fadenheftung, 20 x 25 cm. 55.- € (ISBN 978-3-00-035437-3. (Der Preis beinhaltet Porto und Verpackung innerhalb Deutschlands; Bestellmöglichkeiten und Leseproben siehe unter http://www.oag-helgoland.de > Publikationen > Avifauna; Bestellung auch formlos per Email an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots gesch├╝tzt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).

 

Unglaubliche 111 Jahre ist es her, dass Heinrich Gätke seine zweite Auflage von „Die Vogelwarte Helgoland“ veröffentlichte, ein Werk, welches sich bis heute ganz wunderbar liest, allein schon wegen des einmaligen literarischen Stils aber auch aufgrund des zeitlos guten Inhalts (eine komplette Onlineversion des Buches findet sich unter http://www.archive.org/details/dievogelwartehel00gt ; ein Reprint erschien 1987 im Verlag Maren Knauß, Helgoland)! Seither war leider keine neue umfassende Avifauna für die ornithologisch international herausragend bedeutende Insel erschienen (Das kleine Bändchen „Die Vögel Helgolands“ von Gottfried Vauk 1972 war ein vergleichsweise kläglicher Nachfolger). Dies lag sicher auch daran, dass seither niemand den Mut aufbringen wollte oder vergleichbare Fähigkeiten hatte dieses fabelhafte Buch von Heinrich Gätke zu “toppen“.

 

Doch nun gibt es endlich eine neue sehr ausführliche Avifauna, die sowohl von der Aufmachung als auch inhaltlich einen äußerst würdigen Nachfolger des „Gätke“ darstellt. Ich bin sicher, Heinrich Gätke wäre unfassbar beeindruckt gewesen den mit diesem neuen Buch gezeigten immensen Zuwachs an wissenschaftlichen Erkenntnissen kennen lernen zu dürfen!

 

Die Vogelwelt der Felseninsel Helgoland wird schon seit 170 Jahren intensiv beobachtet und erforscht. In diesem Buch werden die in diesem Zeitraum erfassten Daten ausgewertet und alte und neue Forschungsergebnisse verglichen und zusammengefasst.

 

Einleitende Kapitel stellen auf knapp 100 Seiten ausführlich und gut bebildert die auf der Hauptinsel und auf der Düne vorhandenen Lebensräume, die Geschichte der Vogelforschung, die Brutvögel, den Vogelzug, sowie Wintergäste und Seltenheiten vor, wobei eine Vielzahl von z.T. historischen Fotos die Kapitel eindrucksvoll illustriert. Die für dieses Buch verwendeten Methoden werden detailliert erläutert.

 

Im Hauptteil (mehr als 80 % des Buches) wird das Vorkommen aller 426 bisher auf Helgoland nachgewiesenen Vogelarten dargestellt. Die Länge dieser 426 Artbearbeitungen variiert von wenigen Zeilen (bei einigen Ausnahmeerscheinungen) bis hin zu vier Seiten (z.B. bei Silbermöwe, Trottellumme). Je nach Art finden sich in den Artbearbeitungen übersichtlich gegliedert Angaben zu Status, Unterarten, Brut, Zug und Rast, Habitat und Nahrung, der Bestandsentwicklung und zu Todesursachen. Die Erkenntnisse von Helgoland werden dabei sowohl bei den regelmäßig auftretenden Arten als auch bei den Seltenheiten in einen internationalen Zusammenhang gestellt. Bei Arten mit mehr als zehn Nachweisen sowie natürlich bei allen häufigeren Arten finden sich sehr übersichtliche farbige Graphiken zur jahreszeitlichen Phänologie, oft getrennt nach Rast (oft mit Geschlechts-, Altersanteilen), Tagzug (oft getrennt nach Hauptzugrichtungen), Nachtrufen/-zug sowie gegebenenfalls zur langfristigen Bestandsentwicklung (bei Seltenheiten Individuen pro Jahr im Zeitraum 1840-2009). Liegen weitere spezielle Erkenntnisse vor, so gibt es zusätzliche eindrucksvolle Grafiken (z.B. phänologische Unterschiede bei Unterarten oder zwischen Nebeninsel „Düne“ und Hauptinsel, die Monatsmaxima im Winter z.B. beim Steinwälzer oder die zunehmende Besiedlung der Buntsandsteinfelsen durch brütende Stare). Ringfunde werden für alle Arten, von denen Fernfunde mit Bezug zu Helgoland vorliegen, in Karten dargestellt.

 

Sofern ein Foto der Art von Helgoland vorliegt (und das ist fast immer der Fall!), enthält jede Artbearbeitung mindestens ein Foto. Alle im Buch abgedruckten ca. 550 Vogelfotos stammen somit entweder direkt von Helgoland oder zeigen (glücklicherweise weit seltener) Präparate bzw. Bälge, welche in der Vergangenheit auf Helgoland gesammelt wurden, oft noch von Gätke selbst! Das bedingt bei Ausnahmeerscheinungen natürlich eine nicht immer maximale Qualität der Freilandfotos, falls es sich lediglich um Belegfotos handelt, welche evtl. unter widrigen Bedingungen entstanden sind (z.B. bei schlechter Fotoausrüstung, sehr großer Entfernung, miesem Wetter, extrem kurzem Zeitfenster etc.; ein „geniales“ Beispiel dazu ist der völlig verwackelte, aber dennoch eindeutige Schneesperling!). Meist jedoch handelt es sich um extrem gute Fotos in guter Druckqualität. Besonders gefallen oft jene Fotos, auf denen aufgrund des Hintergrundes - z.B. des typischen roten Felsens – sofort zu erkennen ist, dass die Aufnahmen auf Helgoland entstanden sind. Solche Fotos mit typischen Helgoland-Hintergrund hätte ich mir in größerer Zahl gewünscht (positive Beispiele: Wasserralle und Baumpieper oder sogar – trotz der nur klein abgebildeten Vögel – Fischmöwe und Blauwangenspint); immerhin werden solche Fotos manchmal als – leider kleineres – Zweitfoto “nachgereicht“, z.B. beim Austernfischer oder Feldsperling.

 

Nicht unerwähnt sollten die sowohl im einleitenden Teil als auch in den Artbearbeitungen eingestreuten zehn ein- bis zweiseitigen guten Infoboxen bleiben, welche z.B. folgende Themen behandeln: Nordatlantische Oszillation, Nächtlicher Massenzug, Langjährige Veränderung der Fangzahlen, Verdriftete Greifvögel, Todesursache von Trottellummen oder Vogeljagd in Südeuropa.

 

Insgesamt 53 Arten, bei denen eine Herkunft aus Gefangenschaft vermutet(!) wird oder bewiesen ist, finden sich in einem separaten Kapitel. Weitere Abschnitte behandeln die in einer mehrjährigen Revision der Helgoländer Avifaunistischen Kommission abgelehnten Beobachtungen auf Helgoland seltener Vogelarten sowie eine komplette Liste der Helgoländischen(!) Vogelnamen. Ein Literaturverzeichnis von 24 Seiten zeugt von der intensiven Literaturrecherche der Autoren. Ein Register der englischen, wissenschaftlichen und deutschen Namen schließt das Buch ab.

 

Im Inneneinband befindet sich (vorne) eine extra für dieses Buch erstellte sehr übersichtliche Karte Helgolands mit den vor Ort gebräuchlichen Ortsbezeichnungen sowie (hinten) Abkürzungen, Literaturkürzel und eine gute Erklärung der Graphiken und Ringfundkarten.

 

Alle Texte sind in deutscher Sprache, doch beinhaltet jedes Kapitel sowie jede Artbearbeitung eine englische Zusammenfassung. Das Methoden-Kapitel ist sogar komplett zweisprachig erstellt worden, um englischsprachigen Lesern die Benutzung des Buches zu erleichtern.

 

Fazit: Eine ornithologisch einzigartige Insel verdient auch ein einzigartiges Buch. Diese Helgoland-Avifauna entspricht vollständig den sehr hochgesteckten Erwartungen tausender regelmäßiger ornithologischer Helgoland-Besucher. Dabei mögen die vielen dokumentierten Seltenheiten „das Salz in der Suppe“ sein, doch bei häufigen Arten (und oft sogar bei den spärlichen) hat diese Avifauna auch hohen überregionalen Wert, da die sehr gut ausgewerteten Datenmengen oft hervorragende Vergleiche bieten (z.B. zu Phänologie und Bestandsentwicklung). Der OAG Helgoland und allen fünf Autoren – allen voran dem Hauptantreiber Jochen Dierschke – sowie allen beteiligten Mitarbeitern und Fotografen sei herzlich gedankt für ihre jahrzehntelange erfolgreiche (und überwiegend unendgeldliche Freizeit-) Arbeit an diesem Werk, das sicher auch international hohe Anerkennung finden wird. Super! Die Erstauflage (2500 Exemplare) wird sicher schnell verkauft sein.

 

Jörg Wittenberg